Es ist eines der größten und schwersten Erdbeben in Afghanistan der letzten Jahre. Auch am dritten Tag nach dem Beben sind noch vier Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten. 25 international besetzte Helferteams kartieren die Not im Katastrophengebiet – der Afghanische Frauenverein ist Teil von zweien dieser Teams. Eindrücke der Kollegen:
3. September 2025. „Das Ausmaß der Zerstörung ist weit größer, als befürchtet“, berichtet Haroon Lodin, Nothilfekoordinator des Afghanischen Frauenvereins in Jalalabad aus der Katastrophenregion Kunar. „Heute waren wir in fünf komplett zerstörten Dörfern der Region Nurgal. Kein einziges Gebäude ist dort mehr bewohnbar. Die Menschen, die sich retten oder geborgen werden konnten, harren vor den Trümmern ihrer ehemaligen Wohnhäuser aus. Sie graben verzweifelt weiter nach Verschütteten, suchen, rufen und verzagen .
„Ich bin der einzige Überlebende“, erzählt Mohammad Abdul. „Meine Kinder sind unter diesen Steinen, meine Frau, meine Geschwister, alles, was ich bin… Helfen wollt Ihr? Ich brauche nichts. Das Einzige, was ich Euch bitte: Helft mir, meine Familie aus diesen Trümmern zu befreien. Sie sollen in Würde ihren letzten Frieden finden können.“
- Mohammad Abdul hat 17 Familienmitglieder verloren.
„In den Dörfern sind auch viele alleinstehende Kinder“, erzählt Samsoor Malekzai, Mitglied des Nothilfeteams des Afghanischen Frauenvereins. „Wie die Erwachsenen wollen auch sie sich nicht von den Trümmern wegbewegen und hoffen noch inständig auf Lebenszeichen. Die Nachbeben sind teils stark. Gestern Abend hatten wir ein Nachbeben der Stärke 5,5. Das löst unter den Menschen Panik aus. Die letzten zwei Nächte verbrachten alle auf dem freien Feld, ohne Schutz, ohne Zelt. Die Nächte sind bereits sehr feucht und kalt.“
- Die Nächte verbringen alle auf dem freien Feld. Zu groß ist die Angst vor Nachbeben.
„Das Schwierigste bleibt für uns der Zugang in die zerstörten Dörfer“, so Lodin. „Gestern und heute sind wir zu Fuß von Dorf zu Dorf gewandert. Anders kann man die Betroffenen noch nicht erreichen. Die Straßen sind durch Erdrutsche verschüttet. Nur sehr langsam gehen die Räumarbeiten voran. Es gibt zu wenig schweres Gerät. Auch ist der Boden zu locker und aufgeweicht. Schwere Laster drohen stecken zu bleiben. Der Versuch über die wenigen frei geräumten Straßen Wasser, Latrinen und Lebensmittel in das Katastrophengebiet zu bringen musste heute abgebrochen werden. Morgen startet er erneut.“
- Die meisten zerstörten Dörfer sind nur zu Fuß erreichbar. Vier sind noch komplett von der Außenwelt abgeschnitten.
„Die Regierung gibt der Räumung der Straßen jetzt oberste Priorität, auch mehr Transporte über Helikopter sind geplant. Alle arbeiten wirklich Hand in Hand, um schnellstmöglich mehr Hilfe in die schwer erreichbaren Dörfer zu bringen und Zugänge zu öffnen. Das heißt neu denken, umdenken. Parallel koordinieren alle vor Ort, wer in welchen Lagern noch wie viele Zelte mobilisieren kann, Latrinen, Wassertanks, Medikamente und Hilfsgüterpakete . Neun mobile medizinische Teams, versuchen aktuell zu Fuß, bestmöglich medizinisch zu versorgen.“
„Insgesamt müssen wir damit rechnen, dass etwa 100.000 Menschen schwer betroffen sind. Diese Zahl bestätigen auch die Vereinten Nationen in ihrem heutigen Lagebericht“, sagt Abdul Jabar Yosufi, Länderdirektor des Afghanischen Frauenvereins. „In enger Abstimmung mit allen anderen Hilfsakteuren vor Ort arbeiten wir an der Bereitstellung erster warmer Mahlzeiten und Trinkwasser in ausgewählten Dörfern. In einem zweiten Schritt möchten wir Familien-Überlebenspakete mit den wichtigsten verlorenen Haushaltsdingen verteilen: Decken, Planen, Seile, Koch-Sets und Lebensmittelpakete, damit sich Familien im Katastrophengebiet schnellstmöglich wieder selbst Mahlzeiten zubereiten können.“

„Viele fragen uns, ob Spenden für die Erdbebenopfer in Afghanistan auch wirklich ankommen. Wir können versichern: Ja, sie kommen an und geraten nicht in die falschen Hände“, sagt Christina Ihle, Geschäftsführerin des Afghanischen Frauenvereins. „Wie auch in den vergangenen Monaten können die uns anvertrauten Hilfsgelder in Afghanistan trotz der politischen Lage weiter neutral, unabhängig und ohne Abgaben an Dritte eingesetzt werden. Dabei unterwerfen wir uns strengen Prüfmechanismen.“
Ein Einsatz wie dieser, in einer so notleidenden Region, braucht viele Hände.
Wir danken allen von Herzen, die diesen schwierigen Hilfseinsatz mittragen und gestalten!
Die Erstversorgung einer Familie mit dem Überlebenswichtigsten kostet etwa 120 Euro.






