Drei Monate nach dem verheerenden Erdbeben in Kunar starten Familien in Eigeninitiative den Wiederaufbau. Initiativen, die Hoffnung schenken.
Hamburg/Kunar, 26. November 2025. Es ist noch früh am Morgen. Unser Vierrad-Antrieb quält sich stockend durch die Serpentinen des Mazar Tals, hoch in die Nurgal-Berge von Kunar. Es ist diese Bergregion, die am 31. August 2025 von dem verheerenden Erdbeben in Ost-Afghanistan am stärksten getroffen wurde. Kein Stein ist mehr auf dem anderen. Nahezu jedes Haus in den kleinen Bergdörfern ist zerstört.
An jeder Flussbiegung ein improvisiertes Zelt-Camp
Entlang des Flusses im Tal steigen Rauchwolken auf. An jeder Flussbiegung fast hat sich ein sporadisches Zelt-Camp gebildet, bewohnt mit Familien, die aus den hoch gelegenen Bergdörfern mit Helikoptern evakuiert wurden.

Besuch bei Familien aus dem zerstörten Dorf Arit
Zu ihnen gehören auch die 1.000 Familien aus dem komplett zerstörten Dorf Arit, die der Afghanische Frauenverein seit drei Monaten immer wieder mit Überlebenshilfe versorgt: Die ersten sechs Wochen verteilte der Afghanische Frauenverein zwei mal täglich warme Mahlzeiten aus spontan errichteten Garküchen, dann überlebenswichtige Hilfsgüter – wie Kochtöpfe, Seife und Tücher -, anschließend große Pakete mit Grundnahrungsmitteln.
In den kommenden Tagen werden Baby- und Hygienepakete verteilt, denn oft sind Neugeborene ohne Kleidung und nackt. Parallel bereiten wir die Winterhilfe vor, die möglichst viele Familien mit warmen Decken, Winterkleidung, aber auch Isolierplanen für die Zelte versorgen soll…

Es fehlt an warmer Kleidung. Vor allem für die Kleinsten.
Trauben für die Gäste
„Ohne diese Hilfe wüssten wir nicht, wie wir gerade überleben könnten“ erzählt uns Massuda, Mutter von sechs Kindern, die im Dorf Wadeer Schutz gefunden hat. Als wir sie in ihrem Zelt besuchen, schickt sie eilig zwei ihrer Kinder los. Mit roten Wangen kommen sie wenig später zurück gestolpert und reichen uns feierlich eine Hand voll Weintrauben. Ob Zelt oder Palast: Gäste heißt man willkommen , das ist für Massuda eine Frage der Ehre und Menschenwürde. ‚Nur geteilte Freude ist wahre Freude‘ antworten wir schnell und verteilen die Trauben unter den aufgeregten Kindern und Familienmitgliedern. Dann sitzen und reden wir: Wie es Massuda geht, drei Monate nach dem Beben, möchten wir wissen. Wie sie nach vorne blickt, und ob?

Vorstandsvorsitzende Homa Abass im Gespräch mit Massuda und ihren Kindern.
„Der Schock sitzt noch tief, aber wir machen weiter!“
„Ihr wisst, wir haben zwei Kinder verloren, mein Mann ist schwer verletzt und der Schock sitzt noch tief. Aber es muss ja weitergehen. Diese Kinder zählen auf mich“, sagt Massuda und blickt auf ihre kleine Tochter Mariam, die an Epilepsie erkrankt ist. „Wir Frauen halten zusammen und dank Eurer Hilfe sind viele neue Initiativen entstanden.“
- Massudas jüngste Tochter ist an Epilepsi erkrankt, Vorstandsmitglied Sarina Nashir untersucht das kleine Mädchen.
- Jede Familie erhielt Grundnahrungsmittel für die kommenden Wochen: Mehl, Reis, Bohnen, Tee, Zucker, Salz, Speiseöl und Datteln.
Es ist an uns, selbst aktiv zu werden
„Als ihr nach sechs Wochen die Verteilung von warmen Mahlzeiten einstellen musstet, waren wir erst verzweifelt“, erzählt Massuda. „Dann haben wir verstanden: jetzt ist es an uns, selbst aktiv zu werden. Wir haben von euch Kochtöpfe und Grundnahrungsmittel erhalten, also haben wir uns organisiert.“
Eine Nachbarschaftsküche für die Schwächsten
Jeden Tag treffen sich acht Frauen in einer sporadisch errichteten Feldküche, um gemeinsam für diejenigen zu kochen, die in den Zelten zu alt, zu krank oder zu verletzt sind, um sich selbst zu versorgen. „Ich bin eine der Köchinnen“, lacht Massuda‘s 16-jährige Tochter Fariba und streckt uns ihre Hände entgegen. „Seht, vom Nüsse schälen sind sie heute ganz braun geworden.“ „Meistens sind es die jungen Frauen, die selbst noch keine Kinder haben, die in der Nachbarschaftsküche helfen“, erzählt sie weiter. „Wir kochen mit Lebensmitteln, die uns verschiedene Helfende bringen. Ich mache das gerne – es tut gut, helfen zu können und nicht nur Hilfe zu empfangen.“
Eine Bäckerei inmitten der Trümmer
Gemeinsam laufen wir durchs Dorf. Fariba kennt hier jeder. „Ah unsere schöne Köchin“, ruft ein Mann lachend unter einem weißen Zeltdach. Abdul ist sein Name. Im Boden hat er einen Erd-Ofen gebaut. In dem traditionellen Tandoor backt er wie am Fließband frisches Brot.
„Mit welchem Mehl backst du?“, fragen wir. „Mit dem, was mir die Familien bringen. Es kommt aus euren Hilfspaketen.“ Wie bezahlen sie dich? „Gar nicht. Schau dich um, niemand hier hat Geld. Aber ich darf mit dem gebrachten Mehl auch für meine Familie backen. Das reicht. Irgendwann werden die Zeiten wieder besser.“
Initiativen, die Hoffnung schenken
Mit einem frischen Stück Brot werden wir von Massuda, Fariba, Abdul und den vielen Kindern, die uns längst umringt haben, verabschiedet.
Wir wissen, wie groß ihre Sorge vor dem jetzt einsetzenden Winter ist – und wir teilen sie. Bis zu minus 15 Grad kann es in dieser Region bald werden… Wir wissen aber auch: Dort, wo Selbsthilfe-Initiativen wie diese entstehen, ist Hoffnung. Hoffnung, dass diese Familien gemeinsam Berge versetzen können und die kommenden schweren Monate irgendwie überstehen.
Wir möchten alles dafür tun, sie und viele weitere Familien im Mazar Tal dabei bestmöglich zu unterstützen.
Herzlichen Dank für jede Hilfe dabei!




