Ein Interview mit Homa Abass, Vorsitzende, und Christina Ihle, Geschäftsführerin des Afghanischen Frauenvereins e.V. in Hamburg. 30. September 2025.
Update: Nach zwei Tagen Komplettausfall wurde das Internet am 2. Oktober 2025 in Afghanistan wieder angestellt. Soziale Plattformen wie Instagram, Facebook, TicToc und Snapchat jedoch sind für die Bevölkerung nicht mehr zugänglich.
Seit Montag, dem 29. September 2025, 17 Uhr Ortszeit, ist das Internet in Afghanistan komplett abgeschaltet. Wie haben Sie die Situation erlebt?
Christina Ihle: Bis 14 Uhr deutscher Zeit waren wir mit den Kolleg:innen in Afghanistan in Zoom-Konferenzen. Das sind wir jeden Tag, normalerweise. Wir haben die nächsten Hilfsmaßnahmen für das Erdbebengebiet geplant, die Situation in unseren acht Kliniken und fünf Schulen besprochen, nächste Schritte geklärt…
Homa Abass: Ab 14:30 deutscher Zeit waren plötzlich alle Leitungen tot. Pünktlich um 17 Uhr ist in Afghanistan Büroschluss und das Glasfasernetz und wohl auch der Mobilfunk wurden gekappt. Für uns natürlich erstmal ein Schock.
Was ist genau passiert?
Homa Abass: Afghanistan verfügt über ein 9.350 Kilometer langes Glasfasernetz, das etwa 14 Millionen Menschen erreicht. Dieses wurde komplett abgeschaltet. Außerdem sollen 8.000 bis 9.000 Telekommunikationsmasten abgeschaltet worden sein. So ist auch das Mobilfunknetz betroffen und aktuell, zumindest von außen, nicht mehr erreichbar.
Welche Folgen hat das für die Menschen vor Ort?
Christina Ihle: Damit sind zunächst alle Kommunikations-Möglichkeiten nach Afghanistan gekappt. Es sei dann, man verfügt über eine der sehr selten vergebenen VSAT-Lizenzen.
Homa Abass: Heute, um 12 Uhr Ortszeit, konnte zum ersten Mal wieder TOLO-News kurz aus Afghanistan senden. Sie berichten, dass die Straßen leerer sind als sonst, Checkpoints teils verstärkt wurden, und Banken, Unternehmen, Büros und Flughäfen aktuell nicht arbeitsfähig sind. Alle Flüge nach und aus Afghanistan sind seit gestern eingestellt. Damit ist Afghanistan zumindest im Moment komplett von der Außenwelt isoliert. Das ist sehr besorgniserregend.
Was bedeutet das konkret?
Christina Ihle: Das hat aktuell vor allem drei dramatische Konsequenzen: Zunächst wird die Wirtschaft weiter kollabieren. Jede wirtschaftliche Aktivität, der Geldtransfer, Import-Export ist ohne Internet kaum denkbar. Weiterhin wird die Verbindung der Bevölkerung zu ihren Verwandten im Ausland gekappt. Wir dürfen nicht vergessen, Millionen Menschen haben das Land verlassen und finanzieren ihre zurückgebliebenen Familien aus dem Ausland. Ohne Kommunikationsmöglichkeiten wird diese Lebensleitung für viele Familien in Afghanistan versiegen – und ihre Not verstärken.
Warum sind Mädchen und Frauen vom Internet-Verbot besonders betroffen?
Homa Abass: Am schwersten trifft das Verbot erneut Mädchen und Frauen. Viele Schülerinnen der Klassen 7-12 in den Städten konnten über das Internet wenigsten online weiterlernen, einige sogar online studieren. Dies wird nun wegbrechen. Das letzte Fenster zur Welt und zu BIldung für Mädchen und Frauen ist damit geschlossen.
Wie gehen Hilfsorganisationen, wie geht der Afghanische Frauenverein jetzt mit der Situation um? Kann Hilfe weitergehen?
Homa Abass: Ja natürlich. Die Hilfe geht weiter. Das ist keine Frage. Menschenleben hängen davon ab! Aber das Arbeiten in Afghanistan wird für uns alle noch einmal komplizierter…
Christina Ihle: Ganz konkret: Montags ist unser Planungstag. Alle Hilfseinsätze für die kommende Woche haben wir gestern noch abstimmen können. Alle Team wissen, was in den kommenden zwei Wochen ansteht und können gut weiterarbeiten. Wir haben zum Glück ein sehr erfahrenes Team vor Ort und haben auch die erste Taliban-Zeit gemeinsam mit stark eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten gut weiterarbeiten können. Für uns heißt das vor allem, wieder deutlich mehr selbst vor Ort zu sein. Wir sind dies ohnehin in unterschiedlicher Besetzung 3-4 Mal im Jahr. Das werden wir jetzt wieder steigern.
Homa Abass: Parallel werden wir hier und vor Ort alle Möglichkeiten sondieren, um alternative Kommunikationswege zu finden. Wir sind nicht ganz unvorbereitet. In der letzten Woche waren teils 16 Provinzen zeitweise vom Internet ausgeschlossen. Für uns war das ein wichtiges Signal, im Team Plan B, C, und D zu entwickeln, die wir jetzt weiterverfolgen.
Es wurde angekündigt, dass die breite Masse in Afghanistan zukünftig nur noch auf Mobilfunk in 2G-Geschwindkeit zurückgreifen können soll. Was heißt das genau?
Christina Ihle: 2G-Mobilfunkt reicht nicht mehr für Video-, Zoom- oder Streeming-Übertragung und wahrscheinlich auch nicht mehr für Emails, schon gar nicht mit größeren Anhängen. Das ist natürlich bitter.
Homa Abass: 2G würde aber zumindest WhatsApp-Text und -Sprache ermöglichen. WhatsApp in Afghanistan ist sehr weit verbreitet. Jeder nutzt es. Allerdings sind die bestehenden 2G-Netze in Afghanistan sehr schwach und marode und werden bei dem zu erwartenden Andrang schnell an ihre Grenzen stoßen…
Wird die defacto-Regierung für sich selbst und große Unternehmen andere Kommunikationslösungen einführen?
Christina Ihle: So ist es zumindest angekündigt. Leidtragend bleibt die breite Zivilbevölkerung, die von solchen Sondergenehmigungen sicherlich ausgeschlossen sein wird und sich eventuell bestehende, teure Alternativen niemals erschließen können wird.
Die Hilfe des Afghanischen Frauenvereins und die gezielte Unterstützung von Mädchen und Frauen vor Ort gehen weiter.
Wir bedanken uns bei allen, die uns auf diesem steinigen Weg begleiten und engagiert mithelfen.

